Anthroposophie in Zeiten der Pandemie

ImageGefahr und Aufgabe der Anthroposophie

Ein Beitrag von Jörg Ewertowski
mit Literaturtipps

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Wer den Karmagedanken ernst nimmt, sollte alles was zustößt, primär auf die eigene Mitbeteiligung hin befragen. Das gilt auch, wenn es um das Menschheitskarma geht. Zugleich legt sich unter karmischer Perspektive aber auch eine Zukunftsbetrachtung nahe, die das Kommende nicht als Resultat des Gewesenen zu berechnen sucht. Somit ist die Gegenwart dann
die Zeit der  Krise, in der sich etwas entscheidet. Die vorliegenden Überlegungen nehmen die komplexe Coronakrise als eine solche Prüfung, die sich auf verschiedenen Ebenen, aber mit jeweils derselben Signatur darstellt.

Was schmerzt

Wir Anthroposophen haben neben den Sorgen und Bedenken aller anderen Menschen und neben der Erschütterung angesichts des Leides besonders in Italien und Spanien eine ganz spezielle Schwierigkeit mit der Pandemie. Das Versammlungsverbot meine ich damit nicht. Es trifft uns zwar hart, aber es trifft alle Menschen, und wir sollten eine solche vorübergehende Ausnahmesituation eigentlich besser als manch andere zur Selbstbesinnung, zum Studium oder zur Meditation nutzen können. Aber schwerer als andere haben wir es mit der provozierenden »weltanschaulichen« Einseitigkeit des Blickwinkels, unter dem von morgens bis abends das Geschehen in den Medien dargestellt wird. Dabei handelt es sich ja zugleich auch um mehr als um eine bloße Weltanschauungsfrage. Die andauernde Rede vom Virus, die Omnipräsenz schwer zu interpretierender Statistiken und die Polarisierung der Mitmenschen in Infektionsträger einerseits und schutzbedürftige »Risikogruppen« andererseits erzeugt Ängste. Ängste aber schwächen das Immunsystem. Von den Möglichkeiten zur Stärkung des Immunsystems ist in den Medien nur wenig die Rede und fast überhaupt nicht von den Möglichkeiten der Naturheilkunde, der Homöopathie und der anthroposophischen Medizin. Dabei können diese ja auch dann vorbeugend wirken und therapieren, wenn es keinen Impfstoff und keine spezifizierten allopathischen Heilmittel gibt. Statt mit Informationen über naturheilkundliche Möglichkeiten zur Vorbeugung und Therapie im Bereich der (noch) nicht lebensbedrohlichen Verläufe der Erkrankung werden wir mit Statistiken konfrontiert, deren Verständnis meist mehr Interpretation erforderlich macht, als sie mitgeliefert wird. So gräbt die beständige Rede vom Virus, dem »Erreger«, und das Gesetz der Statistik sich in das Bewusstsein ein. Mehr als andere Zeitgenossen sind wir Anthroposophen von diesem Problem betroffen, weil wir anders denken und unsere eigene gesellschaftliche Ohnmacht durch diese Einseitigkeit erleben.

Und dann kursieren bei uns umgekehrt Steinerzitate, in denen beispielsweise davon die Rede ist, dass einerseits Angst und andererseits »materialistische Gesinnung« die »Bazillen pflegen«. Diese Zitate verweisen uns aber nicht nur auf das Problematische der Situation, sondern auch auf uns selbst. Was tun wir, wenn wir solche Zitate aufgreifen und weiterreichen? Stehen wir nicht in der Gefahr, unsere Ohnmacht gegenüber der herrschenden physikalistischen Weltanschauung und unsere eigene Stimmenlosigkeit im öffentlichen Raum damit zu kompensieren, dass wir mehr oder weniger unterschwellig darüber triumphieren, dass wir es heute und schon immer besser gewusst und gemacht haben?

Der uns drohende Selbstwiderspruch

Der Vortrag vom 5. Mai 1914 in Basel, aus dem das Zitat stammt, ist unter dem Titel »Die Erweckung spiritueller Gedanken als Zeitforderung« in GA 154 veröffentlicht. Ausgangspunkt ist ein häufig geltend gemachter grundsätzlicher Einwand gegen die Anthroposophie, der nicht aus »materialistischer« Weltanschauung stammt: Wir mögen uns im Leben mit der irdischen Welt beschäftigen, weil wir das nachtodlich nicht mehr können. Mit der geistigen Welt werden wir uns dann beschäftigen, wenn wir im Durchgang durch die Todesschwelle in sie eingetreten sind. – Steiner nimmt das zum Anlass, von den vielfältigen Beziehungen zwischen beiden Welten zu sprechen, die zu kultivieren mehr und mehr in unsere Verantwortung rückt. Die Darlegungen münden in die Aussage, wie bedeutsam die spirituellen Vorstellungen sind, die wir uns im irdischen Leben bilden: Sie wirken auf die geistige Welt und auf die Verstorbenen. Wir tragen sie Nacht für Nacht in die geistige Welt hinein – sofern wir sie am Tag gebildet haben. Die jetzt aktuell kursierende Sentenz mit der Bazillenpflege durch materialistische Gedanken und Angst gehört in die erste Stufe der Entwicklung dieses Gedankens: Wir nehmen alle unsere bewussten Vorstellungen mit in den Schlaf und von dort aus wirken sie – je unterschiedlich – auf die Organe unseres Leibes zurück. Der Schlaf vermittelt zwischen unserem bewussten Vorstellungsleben und unserer leiblichen Verfassung. Er stellt sich dem Leser deshalb wie eine kleine Vorwegnahme des Karmas dar. Aber das ist nicht Thema dieses Vortrages, sondern es geht hier um die grundsätzliche Bedeutung einer Kultivierung der Beziehung zwischen irdischer und geistiger Welt, die über den bloßen Rückschlag unserer Vorstellungen auf den eigenen Leib weit hinausreicht. Steiner spricht vom Sinn einer anthroposophischen Vorstellungsbildung, vom Sinn des Studiums der Anthroposophie.

Anstelle uns also mit dem allzu passend scheinenden Zitat von den materialistischen Vorstellungen, die ein Nährboden für Bazillen sind, zu begnügen und uns darin zu bestätigen, dass wir auf der richtigen Seite stehen, sollten wir uns befragen, ob wir der Aufgabe einer solchen Kultivierung der Beziehung zwischen der irdischen und der geistigen Welt durch das Studium denn wirklich nachgehen und ihrem Anspruch genügen. Mit der Fragmentarisierung der Gedankenbewegung eines Vortrages und der Fokussierung der Aufmerksamkeit auf markige Aussagen, die einer halb polemischen halb ironischen Nebenbemerkung entstammen, verhalten wir uns keineswegs »spirituell«, sondern durchaus »materialistisch«. Denn was ist Materialismus? Es ist unter anderem die Auffassung, dass ein Ganzes die Summe seiner Teile ist. Ebenso wenig wie eine Krankheit auf die Anwesenheit von Viren oder Bakterien reduziert werden kann, ebenso wenig sollte aber Anthroposophie auf eine Reihe von Steiner-Aussagen reduziert werden, die aus dem Zusammenhang gerissen wurden. »Geist« ist ein grundlegend anderes Verhältnis zwischen dem Ganzen und seinen Teilen. Der aktuelle Umgang mit solchen Zitaten ist ein Selbstwiderspruch. Die luziferische Versuchung (Hochmut) treibt uns in das Wirkungsgebiet Ahrimans (Illusion, Irrtum, Materialismus).

Vier Ebenen im Problem der Beziehung zwischen Teil und Ganzem

Es handelt sich bei dem Phänomen, auf das wir hier gestoßen sind, aber nicht nur um unser internes Problem im Umgang mit dem Studium des Steinerschen Werks, sondern um ein Symptom dessen, was auch in der Coronakrise vorliegt, und zwar sowohl auf der Ebene eines tieferen Verständnisses der neuen grippeartigen Lungenkrankheit, auf der Ebene ihrer pandemischen Ausbreitung und zudem auf der Ebene der von ihr hervorgerufenen sozialen und politischen Situation. In allen diesen Bereichen gründet nämlich das jeweilige Problem in einem Ungleichgewicht zwischen Teil und Ganzem.

Im Studium: Unser Verstehen der uns von Steiner überlieferten Vorträge und Texte wird erst dann produktiv, wenn wir unser Vorverständnis des Sinn-Ganzen durch unsere Erfahrung mit den Einzelheiten anzupassen in der Lage sind, und nicht nur das bestätigt finden wollen, was wir erwarten. Es geht hier um Resonanz und Wechselwirkung zwischen einzelnen Aussagen und dem Horizont, vor dem wir sie lesen. Wenn das misslingt, dann treten Dogmatismus und Relativismus einander unversöhnlich gegenüber.

In der Krankheit: Für Grippe und Lungenkrankheiten beschreibt Steiner etwas durchaus Vergleichbares. Diese Krankheiten entstehen, wenn die regulierende Schwelle zwischen Herztätigkeit und Lungenstoffwechsel ins Ungleichgewicht geraten ist. Dazu kann jeweils eine individuelle Disposition vorliegen, entweder zur Lungentuberkulose (Verhärtung) oder zur Lungenentzündung (Auflösung). Die Beziehung zwischen Herztätigkeit und Lungenstoffwechsel sind für Steiner aber innerhalb der kleinen Welt des menschlichen Leibes das, was in der großen Welt die Beziehung zwischen dem kosmischen Umkreis und dem Erdenzentrum ist. Und so wie innerhalb des menschlichen Leibes die regulierende Schwelle zwischen Herztätigkeit und Lungenstoffwechsel unser Atemrhythmus ist, so gibt es auch in der großen Welt eine solche Schwelle. Das ist unser Planetensystem als Schwelle zwischen dem Erdenzentrum und dem Tierkreiskosmos.

In der Pandemie: Wie verhält es sich aber vor diesem Hintergrund mit dem epidemischen oder pandemischen Charakter der Grippekrankheit, für dessen Verständnis wir ja nicht bei einem bloßen Zusammentreffen von individueller Disposition und äußerem Anlass einer »Bazillen«-Infektion stehen bleiben können? – Der Vortrag vom 7. April 1920 aus dem ersten Medizinerkurs (GA 312) kann hier mit einer verblüffenden Pointe zum heutigen aktuellen Geschehen aufwarten, nämlich Steiners Andeutung, dass planetarische Konstellationen, die sich auf die Sonnentätigkeit auswirken, ein wichtiger Hintergrund für Epidemien und Pandemien sind. Als Beispiel ist hier von einer Konjunktion von Mars, Jupiter und Saturn die Rede. Weder 1918 zur Zeit der Spanischen Grippe noch im April 1920, als Steiner diesen Vortrag hielt, gab es jedoch eine solche seltene Dreierkonstellation, dafür aber heute – hundert Jahre danach, hundert Jahre nach der Begründung der anthroposophischen Medizin.

Im sozialen Dilemma: Die Frage nach der angemessenen Regulierung des Verhältnisses zwischen Teil und Ganzem kommt uns schließlich noch auf einer vierten Ebene entgegen, nämlich darin, dass ganz neue Fragen in der Gewichtung zwischen Gemeinwohl und Freiheit des einzelnen Menschen auftreten. Die drastischen strafbewehrten politischen Maßnahmen, um die derzeit eine Diskussion entbrannt ist, sind der Tatsache geschuldet, dass wir heute noch nicht in der Geistselbstepoche leben, in der Steiners Darstellungen zufolge der Einzelne aus innerer Einsicht und Freiheit heraus zum Wohl des Ganzen handeln wird. Deshalb kann es hier auch keine einfache Übereinstimmung geben.

lm Arbeitszentrum Stuttgart haben wir in zwei Mitgliederrundschreiben vor Ostern Leseempfehlungen per Mail versendet, die auch meinen obigen Überlegungen zugrunde liegen. Deshalb sind sie hier leicht aktualisiert nochmals aufgeführt:

Friedrich Husemann: Über die Grippe, in: Natura, 1928, S. 199ff, besonders Teil IV und V der Aufsatzreihe (S. 226 bis 236)
Hartmut Ramm: Zur kosmologischen Symptomatologie der Grippe in: Der Merkurstab 1998 Heft 5
Otto Scharmer: Acht aktuelle Lektionen. Vom Coronavirus zum Klimaschutz. Quelle: https://medium.com/@sascha.g.berger/acht-aktuelle-lektionen-von-otto- scharmer-vom-coronavirus-zur-klimaaktion-6588e131a519
Peter Selg: Das Mysterium der Erde, in: Das Goetheanum 2020 Nr. 13
Georg Soldner: Das Coronavirus, in: Das Goetheanum 2020 Nr. 11
Georg Soldner: Fragen in der SARS-CoV-2-Epidemie, in: Akademie Anthroposophische Medizin GAÄD, Rundbrief April 2020
Markus Sommer: Möglichkeiten der Grippe-Prophylaxe, in: Der Merkurstab 1998 Heft 5
Rudolf Steiner: Vortrag vom 20. Oktober 1918 in: Geschichtliche Symptomatologie, GA 185
Rudolf Steiner: Vortrag vom 7. April 1920, in: Geisteswissenschaft und Medizin, GA 312

Im Mittelpunkt der Leseempfehlung stand Rudolf Steiner: Die Offenbarungen des Karma, 1910, GA 120. In dieser Vortragsreihe entwickelt Steiner nicht nur die in allem Karma waltende Dialektik zwischen Luziferischem und Ahrimanischem, sondern auch die Paradoxien in dem Verstehen-Lernen des karmischen Sinns von Krankheiten und einem vorbeugenden und therapeutischen Entgegen-Handeln. Das mündet – über etliche Vorträge hinweg – schließlich im Vortrag vom 26. Mai 1910 in die Auffassung, dass die Entwicklung hygienischer Maßnahmen zur Eindämmung von Epidemien bis hin zum Impfschutz keineswegs verwerflich ist, vielmehr selbst ins Menschheitskarma gehört. Freilich erfordern solche Maßnahmen spirituelle Gegengewichte.

Physisch müssen wir derzeit noch voneinander getrennt sein. Die Dauer wird in den Maßstäben der Menschheitsgeschichte rückblickend nur Minuten zählen. Was für eine Kraft könnten wir in die geistige Welt einfließen lassen, wenn wir währenddessen in großer Zahl beispielsweise diese Vortragsreihe innig studieren würden, statt nach Zitaten zu suchen, deren Erklärungswert geringer als ihr Sensationsmaß ist. Nach der jetzigen Krise wird es nicht mehr so sein wie vorher. Ob das im guten oder im schlechten Sinn so sein wird, bereiten wir jetzt vor.

Im Onlinekatalog der Bibliothek (www.rudolf-steiner-bibliothek.de) werden alle Zeitschriftenveröffentlichungen zur Pandemie mit dem Sachbegriff Coronakrise recherchierbar gemacht. Die Bibliothek bietet Postversand-Fernleihe, Kopier- und Scanservice an: bibliothek(at)rudolfsteinerhaus.org